Dritte Flotte

Jil Sa-Vin Zaterniphal

Lebenslauf

Schamanin

Jil Sa-Vin Zaterniphal stammt von einem abgelegenen Dschungelplaneten namens Varonat, wo sich aus unbestimmter Ursache ein menschliches Naturvolk mit vielen verschiedenen Stämmen bildete, das schon wesentlich älter sein muss als die in offiziellen Sternenkarten vermerkte Kolonisierung durch menschliche Siedler von Salliche, die vor nicht einmal dreihundert Jahren stattfand. Deshalb sind diese Naturstämme ein interessantes Forschungsobjekt für Anthropologen wie Prof. Dr. Hargem Zaterniphal, der vor einigen Jahrzehnten eigens deshalb nach Varonat übersiedelte. Auf Varonat leben neben menschlichem Urvolk und Kolonisten bereits seit vielen Jahrtausenden die Morodin, die an große herbivore Herdentiere erinnern, aber in Wirklichkeit intelligent sind. Dieser Umstand ist aber erst seit etwa zwanzig Jahren überhaupt bekannt. Eine gängige Theorie des Professors lautet, dass die Vorfahren der menschlichen Stämme einst als Jäger nach Varonat kamen und ihre Beute unterschätzten. Auch die Siedler von Salliche machten ursprünglich den Fehler, die Morodin nur für dumme Tiere zu halten, und bis heute haben längst nicht alle Menschen von Varonat eingesehen, dass diese Wesen nicht gejagt werden sollten.

Das gilt erst recht für die Krieger vom Yagaran-Stamm, der als besonders blutrünstig und brutal gilt. Vor allem die Morodin und die benachbarten Stämme müssen die Yagaran fürchten, während sie gegen die "Sternenmenschen" in ihren kleinen Siedlungen zumindest keine alte Jagd- oder Kriegstradition pflegen. Dieser Stamm erschien Professor Zaterniphal besonders interessant, weil seine Kultur reich an abstrusen Mythen und Traditionen ist. Unter anderem sind die Yagaran-Krieger davon überzeugt, sie könnten durch Kannibalismus die Seelen ihrer Feinde zerstören und damit die Rache ihrer Geister von sich fernhalten. Von der Schamanin dieses Stammes konnte der Professor in der Tat allerhand lernen, und nach einigen Jahren gebar sie ihm auch eine Tochter: Jil.

Unter diesem Namen wuchs Jil jedoch nicht auf. Von ihrem Volk wird sie nur "Sa-Vin" genannt. Vin ist ihr eigentlicher Name, den ihre Mutter ihr gab, und Sa (ausgesprochen etwa "Schach") ist die Silbe, die ihm als Schamanin vorangestellt wird und sie als Führungspersönlichkeit kennzeichnet. Jil Sa-Vin Zaterniphal trägt also ihren Titel und Stammesnamen zwischen den Namen, die sie von ihrem Vater erhielt, und für sie ist das völlig selbstverständlich.

Namen sind auf Varonat ohnehin eine wichtige Sache, und so haben die Leute vom Yagaran-Stamm auch einen eigenen Namen für ihre Welt, nämlich Maesken, und dieser Name ist wiederum tief in ihrer Mythologie verwurzelt. Der Stammesname selbst hingegen rührt von einer bestimmten Blütenpflanze her, die auf Varonat eigentlich gar nicht heimisch ist, sondern aus dem Yagara-System stammt und von den Morodin im Dschungel kultiviert wurde. Ihre besondere Bedeutung für den Stamm liegt nicht etwa in ihren schmackhaften Beeren, sondern in einer geheimen Rezeptur, dank der sich die Stammeskrieger in eine Art Berserkerrausch versetzen können. Die Pflanze ist somit ein Garant für das Überleben des Stammes und von immenser kultureller Bedeutung.

Als künftige Schamanin lernte auch Jil diese geheime Rezeptur schon in ihrer Kindheit und überhaupt alles, was eine spirituelle Führerin wissen muss, von ihrer Mutter. Sie eignete sich ein umfangreiches Wissen über Heilkräuter und Geisterbeschwörung an, wurde aber auch in der Überzeugung erzogen, dass Frauen allen Männern prinzipiell überlegen sind und das gute Recht haben, ihren Respekt und Gehorsam einzufordern. Schamaninnen dürfen sich sogar mehrere Männer nehmen — und natürlich ist es eine große Ehre für einen Mann, von ihr erwählt zu werden. Zwar hat er schon ein theoretisches Mitspracherecht, aber wer würde das schon ablehnen?


Dreckfresser

Wieso genau Jil schließlich die Privilegien ihres Standes gegen die relativ überschaubare Lebenserwartung einer Soldatin eingetauscht hat, erzählt sie niemandem gern. Angeblich verließ sie Maesken im Alter von sechzehn Jahren, als ihr Vater sie an seiner Alma Mater wie ein Forschungsobjekt präsentieren wollte. Ihren Freunden beim Korps gegenüber erwähnte sie jedoch einmal, dass sie auf Wunsch ihrer Mutter einen Mann heiraten sollte, der ihr nicht genehm war, und dass ihre Weigerung einem Skandal gleich kam. Was auch immer der wahre Grund war: sie verließ ihre Heimat fluchtartig — und musste dann herausfinden, dass man in der Zivilisation für eine reichlich unerfahrene Schamanin nur wenig Bedarf hatte. Bei der Armee allerdings konnte Jil nicht nur leicht vor eventuellen Verfolgern unterschlüpfen, sondern dort wurden ihre Fähigkeiten einer Dschungelkriegerin, Fährtenleserin und Heilerin sogar noch geschätzt. Aufgrund ihrer Herkunft und der Lebensweise ihres Volkes ist Jil sowohl genetisch als auch durch Umwelteinflüsse wesentlich robuster als eine normale Menschenfrau, und das half ihr letzten Endes, die mörderischen Bedingungen auf Carida zu überleben.

Mit einem Problem allerdings hatte sie nicht gerechnet: mit der geforderten Disziplin. Aus ihrer Heimat war Jil es gewöhnt, dass ihr sogar der Häuptling, Ulion Sa-Tar, Respekt entgegen brachte. Deshalb musste sich beim Korps erst daran gewöhnen, dass sie nicht besser als alle anderen behandelt wurde. Verinnerlicht hat sie diesen Affront bis heute jedoch nicht, und daran konnte auch die Gehirnwäsche auf Carida nichts ändern. Deswegen lässt sich Jil von ihren Kameraden auch lieber mit "Jil" ansprechen anstatt mit "Sa-Vin", weil es ihr respektlos erschiene, als Schamanin angesprochen, aber nicht auch so behandelt zu werden. Insgeheim wünscht sie sich schon eine Rückkehr in ihre Heimat, allerdings hat sie auch das Leben im Korps zu schätzen gelernt. Letzten Endes konnte sie sich als schöne Frau ja doch immer ganz gut in dieser Männerdomäne behaupten, denn nur die Allerwenigsten ließen sich nicht doch gern von ihr um den Finger wickeln.

Das änderte sich allerdings, als Jil nach ihrer Grundausbildung in die 1138. Kohorte versetzt und damit auf dem Sternzerstörer Cerberus stationiert wurde — ausgerechnet im Sturmtrupp von Sergeant Zester Diamond, der nach dem Krieg gegen das Hapes-Konsortium mehr als genug vom Matriarchat und Frauen in Uniform hatte. Mit ihrem Chauvinismus gegenüber all den verdienten Veteranen biss Jil bei ihm von Anfang an auf Granit, wurde aber dennoch von den Meisten akzeptiert, denn sie war hübsch und schamlos und was kann sich ein einfach gestrickter Infanterist mehr vom Leben wünschen? Also ließ Zester die Zügel für seine Verhältnisse ungewohnt locker und vertraute darauf, dass die Kameraden sie schon zur Räson bringen würden. In dieser Zeit machte Jil mit ihrem Kameraden Terrge erste Erfahrungen in Liebesdingen, allerdings zerbrach diese Beziehung bald doch an ihrem Anspruch, sich nach Belieben auch andere Männer zu nehmen. So begehrte sie beispielsweise auch Terrges besten Freund, den Sprengmeister Karva Selloinne, und als sie ihn nicht haben konnte, fing sie an, ihn übel zu hänseln. Auch die anderen Jungs wollten sich auf ihre Fremdgeherei nicht einlassen, und Jil wurde nach und nach immer mehr zur persona non grata in ihrem Trupp. Sergeant Diamond konnte nun nicht mehr länger zusehen, doch Jil blieb uneinsichtig und bat am Ende um Versetzung in eine andere Einheit — sie schob als Begründung zwar die illegalen Machenschaften vor, welche die Jungs nach Dienstschluss betrieben, aber in Wahrheit war es schon das respektlose Verhalten ihrer Kameraden, die einfach ihre Überlegenheit nicht anerkennen wollten.


Panzerknacker

Deshalb landete Jil als neue Sanitäterin bei den "Panzerknackern", die man vor allem für ihre vergleichsweise hohen Verlustzahlen kennt. Dort war aber echt alles völlig anders: die Männer waren diszipliniert, zurückhaltend und gruben sie nicht unentwegt an, und die andere Frau im Team, die Späherin Dalharil Edo, akzeptierte ganz selbstverständlich ihren Platz neben den anderen als Gleiche unter Gleichen — und ihr Sergeant war schwul! Bei allem, was recht ist, kann Jil nun wirklich nicht verstehen, wie Sergeant Barungh nur schwul sein kann! Für sie ist das eine unnatürliche, krankhafte Störung, und natürlich versuchte sie auch gleich, ihn zu verführen und somit zu heilen — jedoch ohne Erfolg. Aber wenigstens ist Barungh viel nachsichtiger mit ihr als Diamond. Apropos: Seit ihrer Versetzung hat sich auch das Verhältnis zu diesem Schritt für Schritt wieder gebessert. Jil war ja jetzt nicht mehr sein Problem, deshalb musste Zester auch nicht mehr streng mit ihr sein und das wollte er auch gar nicht. Irgendwie sah und sieht er sie schon auch weiterhin als "einen seiner Jungs", eine fragwürdige Ehre, die sie erst noch zu schätzen lernen muss. Seit sie aber mit ihrem Ex-Freund, TOOL, Frieden schließen konnte, war sie auch wieder recht beliebt bei ihren übrigen Kameraden. Ihr Ex war nun ihr bester Freund und sah ein, dass es zwischen ihnen nie funktioniert hätte, und dafür verstand sie sich auch immer besser mit ihrem Corporal, Tylan Zruud. Während der Sondermission auf der Ace of Sabres kamen sie sich allmählich näher.


Sündenfall

Alles hätte so schön sein können, aber natürlich musste Jil auch das wieder vermasseln. Sie war nämlich nach wie vor an Karva Selloinne interessiert, was sie ebenfalls nicht verstehen konnte: denn eigentlich hasste und verachtete sie ihn doch! Doch dieser hatte, im Gegensatz zu all den anderen Männern, so gar kein Interesse an ihr. Genau deshalb musste sie ihn haben! Leider wollte Selloinne seine Meinung nicht ändern, also schmiedete sie unlängst einen Racheplan, als ihr ein gewisser Aphatraxus Kymerii über den Weg lief, ein Marineinfanterist mit einem ganz eigenen Motiv, um Karva zu hassen. Gemeinsam lockten sie Karva in eine Falle und Kymerii folterte ihn fast zu Tode. Erst dann begriff Jil, was sie Furchtbares getan hatte, und versuchte, Kymerii aufzuhalten. Der völlig enthemmte Mann überwältigte und vergewaltigte sie jedoch und entkam mit Selloinne, um ihn noch tagelang weiter zu foltern. Als die übrigen "Dreckfresser" ihn endlich fanden, konnten sie zwar sein Leben retten, aber die Erfahrung hatte ihn da schon körperlich wie seelisch verstümmelt und gezeichnet. Jil rechnete schon mit ihrer Hinrichtung, doch weil sie eben für Zester immer noch ein "Dreckfresser" war, durfte Karva als der Geschädigte über ihr Schicksal entscheiden. Dieser verschonte sie — nicht etwa aus Barmherzigkeit, sondern damit sie mit ihrer Tat leben musste. Jils Untat wurde folglich vor den Offizieren verschwiegen und es gibt nur drei Leute außer Selloinne, die darüber Bescheid wissen: Sergeant Diamond, ihren Ex-Freund TOOL und Ian Veleany, ihren Spieß, der für diese Form der Gnade nur wenig Verständnis aufbringt, aber die Regeln seines Freundes Diamond doch akzeptiert.

Unterdessen scheint Karvas Saat jedoch aufzugehen: Jil ist sicher froh, noch am Leben zu sein, aber unter dem Wissen, was sie getan hat, leidet sie schwer. Die offene Verachtung der vier Mitwisser macht ihr nun verdientermaßen schwer zu schaffen, und vor den beiden Vorgesetzten, Diamond und Veleany, hat sie geradezu Todesangst. Und das aus gutem Grund.