Dritte Flotte

Reeva Dekar

Lebenslauf

Ort: Aargau, einfache Wohnquartiere
Zeitindex: 1.0430 ISZ

"Versprich mir, Reada, dass du nicht auf diese Party gehst!", verlangte sie mit eindringlicher Stimme. Die Haare standen ihr wild vom Kopf. Sie trug ein übergroßes Shirt, das ihr über eine Schulter herunter hing. Es war ganz früh am Morgen und die Zwillingsschwestern saßen gemeinsam auf dem Bett von Reeva. Wenn sie so beinander saßen konnte man sie kaum auseinander halten. Nur Readas Aufmachung ließ erkennen: sie war die arglosere der beiden. Sie lebte jeden Tag, wie er kam. Wechselnde Männerbekanntschaften, ständiger Jobverlust und andere Unwägbarkeiten brachten Reada nie aus dem Tritt. Es war Teil ihrer Persönlichkeit diese Dinge nie ernst zu nehmen. Nun trug sie einen kurzen Rock, hochhakige Schuhe und ein bauchfreies Top. Die Haare trug sie offen. Das Make up war viel zu dick aufgetragen.

Und sie grinste vergnügt.

"Du gönnst mir nichts…", entgegnete sie nämlich und schubste ihre Schwester zurück aufs Bett, während sie selbst aufstand und die Arme unter der Brust verschränkte.

"Du bist da viel zu vorsichtig. Ich wette, dass dir das auch Spaß machen würde!", behauptete sie und begann sich auszuziehen.

"Es ist gefährlich da hin zu gehen. Du darfst ja so viel Spaß haben wie du willst! Aber das ist… etwas anderes…"

"Du bist nur eifersüchtig!"

Reada sprang aus dem Zimmer. Die Wohnung war winzig. Es gab dieses kleine Schlafzimmer und ein armseliges Wohnzimmer, in dem es eine Kochnische gab. Dazu eine winzige Nasszelle. Mehr konnten sich die beiden jungen Frauen nicht leisten. Sie gehörten nicht gerade zur Oberschicht, obwohl ihre Eltern sicher nicht arm waren. Aber vierzehn Kinder zu finanzieren war nicht so einfach. Reada und Reeva waren nicht die jüngsten Kinder von Albarn und Kilia Dekar. Aber fast. Das Paar hatte schon mit sechzehn Jahren das erste Mal die Geburt eines Kindes gefeiert: der des ältesten Bruder Karnith. Er war Offizier in der dritten Flotte gewesen und vor einiger Zeit im Kampf gefallen. Auch war er etliche Jahre älter als die Zwillingsmädchen. Weil die Familie ständig Platz machen musste für neue Kinder, waren die Mädchen pünktlich zum sechzehnten Geburtstag ausgezogen. So war es auch üblich in der Familie Dekar.

Reeva strebte eine Karriere in der planetaren Verteidigung an und befand sich im Ausbildungsprozess bei der Jagdstaffel. Allerdings hatte sie es als eine der wenigen Frauen dort nicht leicht und außerdem war sie die meiste Zeit damit beschäftigt ihre um zwei Minuten jüngere Schwester zu beaufsichtigen. Normalerweise nahm sie das leichte Leben ihrer Schwestern nicht zum Anlass um sich aufzuregen. Aber dieses Mal hatte sie ein übles Gefühl in der Magengrube. Sie rappelte sich auf und folgte ihrem Zwilling ins gemeinsame Wohnzimmer.

"Versprich mir, dass du nicht hingehen wirst, Reada!", verlangte sie und blickte sie ernst an.

Reada öffnete den Mund um erneut zu widersprechen, seufzte, legte sich die rechte Hand aufs Herz und sagte feierlich: "Ich schwöre es bei meinen ungeborenen Kindern!"

Sie verdrehte die Augen und legte sich wieder zu Bett.


Ort: Aargau, einfache Wohnquartiere
Zeitindex: 3.1125 ISZ

Es klingelte der Wecker an diesem Tag nicht. Entgegen Reevas Angewohnheiten hatte sie ausgeschlafen. Als sie wach wurde spürte sie nur die Schmerzen im Rücken vom Training und Hunger. Langsam kletterte sie aus ihrem Bett, streckte und räkelte sich. Im Spiegel sah sie, dass ihre Kissen merkwürdige Abdrücke auf ihr Gesicht geprägt hatte. Es sah nicht sehr hübsch aus. Sie drehte sich am Absatz um und stellte sich auf die Zehenspitzen um in das Bett ihrer Schwester zu sehen. Noch immer schliefen sie in einem Stockbett übereinander.

Readas Bett war leer. Mehr noch. Es war noch immer gemacht. Es war unberührt. Reevas Herz begann heftig zu klopfen. Ihr erster freier Tag nach Wochen des Trainings und nun passierte das! Sie versuchte Reada auf ihrem Com zu erreichen, doch da kam nicht mal ein Zeichen, dass verbunden wurde.

Hektisch schlüpfte sie in frische Unterwäsche. Allerdings gab sie sich keine Mühe frische Hosen oder gar ein frisches Oberteil zu suchen. Da mussten die Kleidungsstücke des Vortages herhalten. Ohne sich zu frisieren band sie die Haare zusammen, schnappte ihre Tasche und rannte zum Club "Comor". Er lag technisch gesehen noch nicht in der Unterstadt, aber tatsächlich tat er es doch. Um diese Zeit war dort niemand - und das hatte sie auch erwartet. Gleichzeitig hatte sie aber auch erwartet, dass sie Reada dort schlafend vorfinden würde. Betrunken, aber lebendig…

Doch dem war nicht so. Reevas Magen fühlte sich an als wäre er mit Steinen gefüllt worden. Wo war sie? Erneut versuchte sie es am Com, doch auch dieses Mal - keine Verbindung. Allmählich keimte in ihr Hysterie auf. Sie würde alle Krankenhäuser abklappern müssen - und die Polizei! Das war kein Spaß. Hoffentlich hatte sie das blöde Ding bloß verloren!

'Wenn ich sie finde, dann bringe ich sie um für diesen Mist!', fluchte sie im Stillen. Dann langte bei ihr eine Nachricht ein:


-[o]- --- > Incoming Message < --- -[o]-

Nachricht von irgendwo, yay!
Reada Dekar
ZI 041019 n E

-[o]- --- > Start of Transmission < --- -[o]-

Lieblingsschwester!

Mach dir keine Sorgen! Echt nicht! Ich bin mit Tides unterwegs. Er ist echt niedlich! Ich bin pünktlich zu unserer Geburtstagsfeier zurück. Ein Vierteljahrhundert! Kannst du dir das vorstellen?

Muss weiter, viel Spaß beim Flugsimulatorgeballer!

Readarchen

-[o]- --- > End of Transmission < --- -[o]-

Fassungslos starrte sie auf den Display ihres Pads. Okay.. Tides Manford. Ein Idiot, der für seine Vielweiberei mehr als nur bekannt war. Allerdings war er sicher mit dem Privatschiff seines Vaters geflogen - der "Disma". Keine Sekunde zögerte sie ihre weniges Geld und ein paar Wertgegenstände gegen eine Überfahrt zum Ziel der DISMA zu buchen. Ihre Schwester steckte in Schwierigkeiten. Daran bestand kein Zweifel. Dafür musste sie sogar ihre Ausbildung aussetzen und sie wusste nicht, ob sie im Anschluss noch einmal von vorne beginnen durfte.


Ort: ???
Zeitindex: 9.1125 ISZ

Reada sprang Reeva regelrecht an den Hals. Gerade so konnte Reeva verhindern, dass sie stürzten. Sie hielten einander fest, dann befreite sich Reeva.

"Du hattest es versprochen!", knurrte sie und blickte ihre Schwester streng an. Reada hob entschuldigend die Schultern.

"Ist ja nichts passiert...", behauptete sie.

Reeva hätte explodieren können. Reada sah schrecklich aus und trotzdem strahlte sie die übliche Unbekümmertheit aus. Vielleicht war sie auch ein bisschen neidisch. Jedenfalls hatte Reeva gerade noch gut Credits beisammen um den Rückflug für sich und ihre Schwester zu bezahlen. Sie hatte ein Zimmer in einem billigen Hotel gemietet.

"Er hat mich einfach sitzen lassen!", erzählte Reada beim Gehen. Reeva kräuselte die Stirn.

"Habt ihr euch gestritten?"

"Nicht mehr als sonst..."

"Aha..."

So sehr sie sich äußerlich ähnelten, so unterschiedlich waren sie in ihren Charakteren. Einige Leute blickten ihnen sogar neugierig nach. Sie wirkten wie Klone.

"Wir fliegen jetzt zurück nach Aargau. Und da bleibst du dann bitte auch...", sagte Reeva geistesabwesend.

Reada gab keine Antwort, aber Reeva konnte sehen, dass sie dieser Gedanke beunruhigte.


Die Mädchen saßen gemeinsam in dem Zimmer, während Reeva versuchte Geld von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern zu organisieren. Doch in der Familie Dekar gab es zum Verleihen von Geld strenge Regeln. Vor allem dann wenn die Bittsteller schon über achtzehn waren und eigentlich längst verheiratet sein sollten.

Aber weder Reeva noch ihr Zwilling waren bodenständig genug um Familienplanung in Betracht zu ziehen. Beide waren außergewöhnlich abenteuerlustig - aber jeder ein bisschen anders. Während Reada gerne auf Partys ging, andere Wesen kennenlernen wollte und einfach ihre Abenteuer auf sozialer Ebene erlebte, war Reeva da viel körperlicher. Ein Dauerlauf, der sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit brachte, war genau ihr Fall. Der Nervenkitzel bei einer Speederennfahrt oder Kampfsimulationen im Flugsimulator gaben ihr, was sie brauchte. Aber deswegen hatte sie im Laufe ihres Lebens schon viele Verletzungen erlitten und ihre Eltern nannten sie den "Bruchpiloten". Weil Reada auf den ersten Blick viel braver und umgänglicher war, war Reeva der 'böse' Zwilling.

Reeva war es auch, die am meisten am Tod von Karnith gelitten hatte gleich nach ihren Eltern. Den Eltern war es irgendwie unangenehm gewesen, dass der Sohn Teil der Dritten Flotte gewesen war. Sie sprachen nur ungern über ihn oder seine Karriere, aber Reeva kannte ihren großen Bruder zu gut. Sein Tod war ein echter Schock für sie gewesen und das, was man nun über die Dritte Flotte erzählte, war in ihren Augen entweder schamlose Lüge oder ein taktischer Zug. Oder beides. Beim besten Willen konnte sie und wollte sie nicht glauben, was sie getan haben sollten.

Ihre Eltern stimmten ihrer Ansicht heimlich zu, denn sie widersprachen ihr nie, wenn sie davon sprach und hinderten sie auch nicht es zu erzählen. Tatsächlich hatten ihr die Eltern auch die letzten Erinnerungsstücke an Karnith überlassen: seine Verdienstmedaille und seine Missionspins. Dinge auf die er sehr stolz gewesen.

"Onkel Margin hat uns ein paar Credits hinterlegt. Ich hole die ab und kaufe uns etwas zu essen. Morgen fliegen wir zurück. Reada, bleib bitte, bitte hier!"


Ort: ???
Zeitindex: 9.1623 ISZ

Keuchend rannte sie den Flur entlang. Schweiß stand ihr auf der Stirn. Obwohl sie wirklich fit war, fühlte sie sich nach diesem Dauersprint als hätte ihr jemand mit einem Messer in beide Lungenflügel gestoßen. In der Ferne sah sie die Andockbucht, die sie erreichen wollte. Ihr wurde schlecht vor Angst, doch als sie endlich ankam, wurden alle Ängste bestätigt: der Frachter mit den Namen "Galix Murdim" war weg.

Die Behörden hatten ihr nicht geglaubt und sich nicht weiter um sie gekümmert. Als sie ihr endlich geglaubt hatten, hatten sie nur das Hotelzimmer durchsucht, in dem sie Reada zurückgelassen hatte. Für Reeva stand fest: Ihre Schwester war entführt worden. Schlimmer noch. Sie befürchtete, dass sie versklavt worden war und zu einem entsprechenden Umschlagplatz gebracht werden sollte um dort für immer zu verschwinden. Ein elendes Leben wäre es dann für Reada, ohne Hoffnung und Zukunft. Reeva wusste, dass vor allem Frauen, die so wie sie selbst und eben auch ihre Schwester, beliebte Ziele von Sklavenjägern waren. Fit, hübsch, unschuldiges Aussehen. Wenn man Reeva ansah, glaubte man, dass sie nicht älter als fünfzehn sein konnte. Bei ihrer Schwester war es noch schlimmer. Tränen traten der jungen Frau in die Augen.

Das durfte nicht wahr sein! Sie konnte auf keinen Fall zulassen, dass ihre Schwester für immer dieses Schicksal erleiden musste. Verzweifelt stand sie an dem Dock und blickte in den Himmel, der sich langsam rot färbte als die Sonne unterging. Hinter ihr stand ein Droide der sie freundlich darauf hinwies, dass sie sich in der Quarantänezone nicht aufhalten durfte. Kraftlos ließ sie sich zurück zum Eingang des Bereichs führen.

Das nächste, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie die wenigen wertvollen Dingen in ihrem Besitz zusammenkratzte. Ein Handspiegel mit einem silbernen Rahmen, eine Halskette aus Gold, ein Paar Ohrringe besetzt mit seltenen Edelsteinen und eine Erstausgabe von "Gilmar und Halmi" - einem Kinderbuch, dass sie sehr liebte. Kurz hielt sie inne als sie das verschweißte Buch betrachtete. Es war sicher mehr wert als sie bekommen würde. Dabei konnte keine Summe an Credits jemals den sentimentalen Wert des Buches aufwiegen. Sie hatte ihren kompletten Jahresurlaub genommen und sich für einen weiteren Monat unbesoldet freistellen lassen. Ein Luxus, der ihr nur zuteilwurde, weil ihr Onkel erneut geholfen hatte. Reevas Onkel war ein Offizier der planetaren Verteidigung.

Mit entschlossener Miene verließ sie die Wohnung, die sie sich bisher mit Reada geteilt hatte. Sie würde ihre Schwester retten und sie zurück nach Aargau bringen. Ohne zu zögern betrat sie den Passagierfrachter, der sie auf die Spur von "Galix Murdim" bringen würde.


Ort: Naboo, WTC Hotel, Zimmer 94
Zeitindex: 156.1005 ISZ

Fast den ganzen Corellian Run hatte sie durchsucht. Geld hatte sie keines mehr und sie hatte unterwegs nahezu alles getan um welches zu verdienen. Es war nicht so einfach einer Organisation wie dieser zu folgen. Es war nicht so einfach eine Sklavin zu befreien.

Reeva konnte sich nicht vorstellen, was ihre Schwester in dieser Zeit durchgemacht haben musste. Es war schon schwer genug die eigenen Erfahrungen zu verdrängen. Aber jetzt war sie so nah am Ziel. Sie wusste, wo Reada war und war bereit alles zu tun um sie dort heraus zu holen. Allerdings war sie noch immer allein und es gab niemanden, der ihr helfen hätte können. Um jemanden dafür zu bezahlen fehlte ihr, wie schon erwähnt, das Bare. Freunde hatte sie hier keine. Die Behörden würden sie höchsten belächeln. Reevas Entschlossenheit war ungebrochen, aber sie sah keine Optionen mehr.

Reglos saß sie auf einer Bank in einer Bar, lauschte der Umgebung und hoffte auf einen Geistesblitz, eine Eingebung oder etwas Ähnlichem. Und wie es der Zufall wollte, hörte sie etwas. Zwei Männer, die sich flüsternd unterhielten und nicht wusste, dass Reeva da saß und sie hörte. Und was sie hörte, gab ihr den Funken Hoffnung, den sie gebraucht hatte.

Wenn es nicht nur ein Gerücht war. Wenn es vielleicht Wahrheit war, dann hatte sie diese kleine Chance. Diese würde sie nutzen, aber wie immer verlief ihr die Zeit wie Sand zwischen den Fingern. Sie bezahlte und verließ die Bar. Leise summte sie den Imperialen Marsch und umklammerte den Glückbringer in ihrer Hosentasche: die Verdienstmedaille ihres älteren Bruders Karnith.